Egon - nachts im Museum

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu, Egon ist vom Weihnachtsmahl gezeichnet. Elfriede kann nicht mit ansehen, wie Egons frisch angeschaffter Kullerbauch ihn aufs Sofa nagelt. Prompt hat sie eine Therapie parat: „Entweder harkst du jetzt im Garten alles Laub zusammen und schneidest die abgetrockneten Pflanzen ab – oder …“

„Ja, ich mach ODER“, säuselt Egon aus der Waagerechten. „Tatsächlich, Egon, du willst also wirklich den Keller vom Gerümpel befreien?“ „Hmmm“, brummte er und setzte sich in Marsch nach unten. Eine Stunde später war der Autohänger voll: alte Matratze, Pullertopf von den Kleinen, olle Skier, verschimmelte Vliesdecke, alte Einmachgläser, 3 kg Brikett, `ne tote Ratte, Gardinenstangen, rottiger Besen, Hackklotz …

„Fäärtisch!“, verkündet Egon stolz. „Tatsächlich? Glaub ich nicht!“ Unversehens rauscht Elfriede die Kellertreppe hinab, „Hab ich`s doch gewusst. Was ist mit deinem ganzen Kombjuddakram? Das Gerümpel muss raus!“ Egon blutet das Herz. Da stand sein guter 286er von Vobis mit Original-Monitor und dann erst der Epson 8-Nadler. Das Gehäuse des PCs war ein Kunstwerk von Colani! Weiter hinten noch ein weiteres Glanzstück von damals, der 386er von EsCom. Und erst die beiden BigTower, der eine davon hatte sogar schon einen Pentium. 12 Kisten mit Disketten, fünf ein viertel Zoll und drei ein halb Zoll. Und das gute 14.4er Modem – ob das noch geht? Wenigstens kontrollieren, welche Daten auf den Disketten sind, schoss es ihm durch den Kopf.

So wurde aus der Aufräumaktion plötzlich eine Mission des Datenschutzes oder besser eine Retrospektive. Vorsichtig zog Egon das benötigte Equipment aus dem Staubteppich heraus. Zuerst das Modem, ein Kabel in die Telefondose, das andere muss wohin? Egon findet kein Loch im Laptop, wo er den Stecker ansetzen könnte. Mist! Da war doch am alten Pentium so eine Buchse … Und schon steigt eine weitere Staubwolke auf, der Pentium steht wie das Empire State Building. Einen der alten Monitore ran, das Modem nach COM1, Tastatur und Maus eingepluggt. Egon laufen Schauer des Entzückens über den Rücken. POWER! Doch es passiert erst mal nichts, das Modem knörzt nicht, der Monitor bleibt dunkel. Dann ein zartes Zirpen – geht da noch was? – Plötzlich ploppt es, und beißender Rauch steigt aus allen Löchern des Computercases. Die Veranstaltung wird abrupt beendet. Ob der Colani besser riecht, interessiert Egon nun auch nicht mehr. Der Kram hat mal richtig viel Geld gekostet und ist heute nichts mehr wert. Eine bittere Er-kenntnis, die alte Hardware taugt nur noch für den Schrott.

Und all die alten Disketten, wie will man deren Inhalt nun checken? Er hat zwei Möglichkeiten:

Die rabiate Tour beinhaltet das Zerstören der Disketten, so dass sie niemand mehr auslesen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass man wichtige Daten dabei verliert, ist ohnehin ziemlich gering. Dass Unbefugte an persönliche Daten gelangen könnten, ist dafür mehr als wahrscheinlich.

Die vorsichtige Tour empfiehlt sich, wenn man doch noch unwiederbringliche Daten auf den Datenträgern vermutet. Zunächst muss man sich ein funktionierendes System organisieren mit den entsprechenden „antiquierten“ Laufwerken, alternativ macht man einen „Nerd“ ausfindig, der sowas kennt und hat. Jede einzelne Diskette (oder vergleichbare andere aussortierten Datenträger) zu sichten, das kostet viel Zeit. Und wenn es ein Fremder macht, dann auch noch viel Geld. Besser ist es, alle alten Datenträger einzulesen und sie später insgesamt zu sichten. Ohnehin wird nicht jeder alte Datenträger mehr lesbar sein. Als Egon die alten Computer gerade auf den Hänger werfen will, trifft es ihn wie ein Blitz. In den Rechnern sind ja noch Festplatten, was da noch alles so schlummert! Elfriede kommt gerade aus dem Garten zurück, Egon strahlt und verkündet seinen ersten guten Vorsatz für das neue Jahr, der Keller wird entrümpelt!

Bernd

   
Copyright © 2021 dscc-berlin. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.